Dokumentation der Fachtagung
"Gewaltfreie Erziehung": Zu Theorie und Praxis eines pädagogischen Leitbildes

vom 24./25. Oktober 2000 in Neu-Anspach

Inhalt: 1. Bericht über die Ergebnisse der Tagung
  2. Dokumentation der Referate
  3. Ausschreibung und Programm

 

Bericht über die Ergebnisse der Tagung

In einer bundesweiten Kampagne fordert die Bundesregierung zu Recht "Mehr Respekt vor Kindern". Doch wie lässt sich das von ihr gesetzlich festgeschriebene "Recht auf gewaltfreie Erziehung" (§ 1631 BGB) in der Praxis umsetzen? Was ist sinnvollerweise unter "gewaltfreier Erziehung" zu verstehen, und mit welchen gesellschaftlichen Realitäten wird dieses Leitbild konfrontiert? Mit diesen Fragen befasste sich die erste von drei Fachtagungen im trägerübergreifenden Projekt 18 "Familie und Gewalt: Menschen würdig erziehen!", die die AKSB als Projektträger in Kooperation mit der Bildungsstätte Alte Schule Anspach am 24./25. Oktober 2000 veranstaltete.

Die Fähigkeit, sozial verträglich mit den eigenen Aggressionen umzugehen, stellte der Darmstädter Pädagoge Prof. Manfred Gerspach als das eigentliche Ziel von "gewaltfreier Erziehung" dar. Als entscheidend für die Ausbildung dieser Fähigkeit sieht er die ersten drei Lebensjahre des Kindes, in denen Eltern dem Kind vertrauensvolle Beziehungsräume eröffnen müssten. In der "strukturellen Gewalt" einer kommerzialisierten Gesellschaft, die den Mensch immer mehr zur Ware mache, erblickt er ein wesentliches Hindernis für das Gelingen einer solchen Erziehung.

Zur Frage nach gewaltfördernden kulturellen Einflüssen in Migrantenfamilien legte die Deutsch-Ägypterin Dr. Daoud-Harms aus Frankfurt a.M. überraschende Thesen vor, die sie aus ihrer Beratungstätigkeit mit auffälligen Schülern aus Migrantenfamilien beim Pädagogischen Institut Frankfurt a.M. gewonnen hat. Sie bestritt die weit verbreitete These, dass die Ausübung von Gewalt durch Männer in Migrantenfamilien kulturell bedingt sei. Statt dessen betonte sie, dass migrationsspezifische innerfamiliäre Konflikte und die Isolation ausländischer Familien die Gewaltbereitschaft erhöhten. Allerdings räumte sie in der Diskussion ein, dass ein kulturell beeinflusster, stark ausgeprägter Patriarchalismus diese Konflikte verschärfe. In einer guten Bildung sieht sie das beste Mittel zur Überwindung patriarchaler Haltungen.

Mit dem Einfluss von Geschlechterrollen auf Erziehungsleitbilder und Erziehungshandeln befasste sich die Frankfurter Pädagogin Dr. Barbara Rendtorff. Sie wies auf die entwicklungspsychologisch grundlegend unterschiedlichen Erfahrungen in der Entwicklung der Geschlechtlichkeit bei Jungen und Mädchen hin. In der stärkeren Gefährdung der psychosexuellen Position von Jungen/Männern sieht sie eine wichtige Ursache für deren erhöhte Aggressivität. Ähnlich wie Prof. Gerspach unterstrich sie die Bedeutung eines unzerstörbaren Beziehungsrahmens in der Erziehung, der das Austragen von inneren Widersprüchen ermögliche. Im Blick auf gesellschaftlich geprägte Rollenmuster beklagte Frau Rendtorff, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie heute viel zu sehr als ein persönliches Problem der betroffenen Frauen angesehen werde. Ein neuer Diskurs sei erforderlich, der dieses Problem als eine gesellschaftliche Aufgabe angehe.

Vor allzu hohen Erwartungen an die Leistungsfähigkeit von Bildung bei der Veränderung von Erziehungsverhalten von Eltern warnte der Darmstädter Sozialpädagoge Prof. Dr. Achim Schröder. Bildungsarbeit müsse bei Erfahrungen der Teilnehmenden ansetzen, um dann Reflexionsprozesse anzuregen. Die Methode des Szenischen Spieles nach Ingo Scheller eigne sich besonders gut zur Anregung solcher Prozesse. Gesellschaftliche Aspekte des Themas Gewalt in der Erziehung würden dabei in der Regel selbstverständlich in die Analyse einbezogen.

In der abschließenden Diskussion bemerkten die Referierenden übereinstimmend, dass die Anregung für ein Umdenken im Erziehungsverhalten der Bevölkerung nicht unter dem irreführenden Titel "gewaltfreie Erziehung" erfolgen sollten, da dieses Schlagwort moralisierend wirke und falsche Erwartungen wecke. Statt dessen sollte verstärkt bei konfliktlösungsorientierten Konzepten der Friedenserziehung angesetzt werden.

Dr. Lukas Rölli

 

Dokumentation der Referate

Folgende Referate der Fachtagung können Sie als PDF-Dateien herunterladen:

 

Ausschreibung und Programm

"Gewaltfreie Erziehung": Zu Theorie und Praxis eines pädagogischen Leitbildes
Fachtagung für Mitarbeiter/-innen aus Bildungs-, Beratungs- und Betreuungseinrichtungen für Eltern, Kinder und Jugendliche sowie Lehrende und Studierende des Fachs Pädagogik
24./25. Oktober 2000 in der Bildungsstätte Alte Schule Anspach, Neu-Anspach

Um die Anwendung von Gewalt in der familialen Erziehung zurückzudrängen, will die Bundesregierung in §1631 des Bürgerlichen Gesetzbuches ein Recht des Kindes auf "gewaltfreie Erziehung" festschreiben. Den Eltern und Erziehungsberechtigten soll deutlich gemacht werden, dass Gewalt kein geeignetes Mittel zur Erziehung von Kindern ist. Was aber kann als sinnvolles Leitbild "gewaltfreier Erziehung" vermittelt werden?

Erziehung gründet auf der gegenseitigen Achtung von Eltern und Kindern, steht aber vor dem Problem, dass sie auch das Setzen von Grenzen einschließt. Die Fachtagung im Rahmen des vom Bundesfamilienministerium geförderten Projekts "Familie und Gewalt: Menschen würdig erziehen!" geht den Fragen nach, auf welchen gesellschaftlichen Werten ein Leitbild "gewaltfreier Erziehung" aufbaut, wie die Spannung zwischen gegenseitiger Achtung und Grenzziehung gelöst werden kann und mit welchen gesellschaftlichen Realitäten - etwa bestehenden Geschlechterrollen oder kulturell geprägten Erziehungsstilen - dieses Leitbild konfrontiert wird.

Neben der wissenschaftlichen Reflexion steht die Umsetzung des Leitbildes in der praktischen Bildungsarbeit im Zentrum der Tagung. Sie will pädagogischen Praktikern/-innen Ideen vermitteln, wie sie Eltern und Kinder dazu anregen können, die Grundlagen ihres Handelns in der Erziehung zu reflektieren und ihr Verhalten auf Gewaltfreiheit hin zu orientieren.

Wir laden Sie herzlich zu dieser Fachtagung ein.

Dr. Stephan Bundschuh
(Tagungsleiter)
Dr. Lukas Rölli
(Projektleiter)

 

Programm

Dienstag, 24. Okt. 2000

14.00 Begrüßung

Theoretische Grundlagen der "Gewaltfreien Erziehung" in der Familie

14.30 - 16.00 Zum Leitbild "Gewaltfreie Erziehung" (Prof. Dr. Manfred Gerspach, Darmstadt)

Spezifische Aspekte "Gewaltfreier Erziehung"

16.30 - 18.00 Gewaltfördernde und gewalt- hemmende kulturelle Einflüsse in Migrantenfamilien (Dr. Mounira Daoud-Harms, Frankfurt a.M.)
19.30 - 21.00 Der Einfluss von Geschlechterrollen auf Erziehungsleitbilder und Erziehungshandeln (Dr. Barbara Rendtorff, Frankfurt a.M.)

Mittwoch, 25. Okt. 2000

9.00 - 9.30 Bildungsarbeit und "Gewaltfreie Erziehung" - Ideen der Umsetzung (Prof. Dr. Achim Schröder, Darmstadt)
9.30 - 11.30 Arbeitsgruppen:
1.) Geschlechtsspezifische Aspekte gewaltfreier Erziehung
2.) Die Bearbeitung konfligierender kultureller Erziehungsmuster in Migrantenfamilien
3.) Wie Bildungsarbeit die Reflexion von Erziehungswerten in Familien fördern kann
11.45 - 12.45 Abschlußdiskussion
14.00 Abreise nach dem Mittagessen

Tagungsort
Bildungsstätte Alte Schule Anspach
Schulstr. 3, 61267 Neu-Anspach
Fon (0 60 81) 4 19 18 Fax (0 60 81) 96 00 83
E-mail: bdpbasa@gmx.de
Ansprechpartner: Dr. Stephan Bundschuh

 

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