Dokumentation der Fachtagung
"Gewaltfreie Erziehung: Eine Herausforderung für die politische Bildung"

vom 27. Oktober 1999 in Bonn

Inhalt: 1. Bericht über die Ergebnisse der Tagung
  2. Dokumentation der Referate

 

Bericht über die Ergebnisse der Tagung

1. Ziel der Tagung, Beteiligung und Konzeption

Die Arbeitsgemeinschaft katholisch-sozialer Bildungswerke (AKSB) veranstaltete die Fachtagung "Gewaltfreie Erziehung: Eine Herausforderung für die politische Bildung" vom 27. Oktober 1999 mit dem Ziel, interessierten Einrichtungen aus unterschiedlichen Trägerzusammenschlüssen der politischen Bildung Gelegenheit zu geben, die politische und gesellschaftliche Problematik des Themas "Gewaltfreie Erziehung" zusammen mit Experten zu erörtern und den inhaltlichen und didaktischen Rahmen eines möglichen gemeinsamen Projektes zum Thema "Gewaltfreie Erziehung in der politischen Bildung" zu beraten. Hintergrund war der von den Fraktionen der Regierungsparteien im Sommer 1999 eingebrachte Gesetzesentwurf zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung (BT Drucksache 14/1247) und die damit verbundenen Überlegungen für ein Aktionsprogramm "Gewaltfreie Erziehung" im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ).

Das Interesse von Einrichtungen der politischen Bildung an dem Thema war überraschend groß: 47 Einrichtungen aus unterschiedlichen Trägerzusammenschlüssen (AKSB, Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten, Deutscher Volkshochschul-Verband, Verband Ländlicher Heimvolkshochschulen Deutschlands) haben ihr Interesse an der Tagung und an einem allfälligen trägerübergreifenden Projekt angemeldet. An der Fachtagung nahmen 34 Vertreter/-innen von Bildungseinrichtungen der genannten Trägerzusammenschlüsse aus ganz Deutschland teil.

Die Tagung war in zwei Teile gegliedert: Im ersten Teil sollten anhand von drei Referaten mit anschließender Diskussion die Kenntnisse über den Diskussionsstand zum Thema "Gewaltfreie Erziehung" vertieft und die politische Dimension des Themas in Bildungsveranstaltungen erörtert werden. Im zweiten Teil sollte der von der AKSB vorgelegte Entwurf eines Konzeptes für ein trägerübergreifendes Projekt in Arbeitsgruppen beraten und im Plenum diskutiert werden.

2. Teil 1: Vertiefung der Kenntnisse, Erörterung der politischen Problemstellung

In einem Einführungsreferat beschrieb der Tagungsleiter, Lukas Rölli, drei gesellschaftliche Entwicklungen, die in den vergangenen rund 30 Jahren zu einer stark veränderten Einstellung gegenüber Gewalt in der Familie geführt haben: die erhöhte Sensibilität gegenüber Gewalt in der Familie, die Veränderung der Erziehungsstile und die Erschwerung der Rahmenbedingungen für die familiale Erziehung. Soziologische Untersuchungen zeigten, dass körperliche Strafen in Form von deftigen Ohrfeigen oder einer Tracht Prügel in rund einem Viertel aller Familien nach wie vor häufig angewandt würden. In den meisten Untersuchungen zum Thema Gewalt in der Familie werde der enge Zusammenhang zwischen der unter dem Stichwort der "strukturellen Rücksichtslosigkeit" zusammengefassten ungünstigen Rahmenbedingungen familialer Erziehung und dem Auftreten von körperlichen und seelischen Misshandlungen betont.

Das Expertengespräch mit dem Münsteraner Familienrechtler Prof. Dr. Holzhauer befasste sich mit dem Verständnis von zentralen Begriffen im Zusammenhang mit den gesetzlichen Rahmenbedingungen für die familiale Erziehung. Prof. Holzhauer wies insbesondere auf die ungenügend scharfe Definition des Begriffes "Gewalt" hin und betonte, dass die Abschaffung des elterlichen Züchtigungsrechtes nicht ohne Auswirkungen auf die strafrechtliche Beurteilung von Fällen der Körperverletzung in der Familie bleiben könne. Die ausgewogene Darstellung unterschiedlicher Rechtsauffassungen und deren historischer Entwicklung wurde von den Teilnehmenden sehr positiv aufgenommen. In der Diskussion mit dem Referenten wurde die unterschiedliche Verwendung des Gewalt-Begriffes in pädagogischen, psychologischen, soziologischen und juristischen Kontexten deutlich. Trotz Differenzen zwischen steuerungsoptimistischen und steuerungspessimistischen Einschätzungen der Wirkung von familienrechtlichen Normen wuchs bei den Teilnehmenden die Erkenntnis, dass die Erarbeitung klarer, eindeutig handhabbarer Begriffe im Umgang mit dem Thema "Gewalt in der Erziehung" von zentraler Bedeutung ist. Für die familienorientierte politische Bildung wurde hier ein klares Defizit festgestellt.

Frau Heike Lipinski stellte in ihrem Referat Perspektiven für den Umgang mit dem Thema "gewaltfreie Erziehung" in der politischen Bildung vor. Sie griff dabei auf die Erfahrungen aus dem AKSB-Projekt "Familie im sozialen Wandel" zurück, das sie geleitet hatte. Folgende fünf Themenfelder eignen sich nach Ansicht von Frau Lipinski für die politische Bildung: 1) Klärung von Wertoptionen im Verhältnis Staat - Familie - Erziehung, 2) Information über die Verbreitung von "Gewalt" in den Familien und über den Umgang von Gesellschaft und Staat mit diesem Phänomen, 3) Auseinandersetzung mit den Ursachen von Gewalt in der Erziehung, 4) Auseinandersetzung mit den Folgen von Gewalt in der Erziehung, 5) Aufzeigen von konkreten Handlungsmöglichkeiten und Motivation zum persönlichen Handeln. Frau Lipinski betonte, dass der Transfer von Erkenntnissen in den eigenen Lebenskontext der Teilnehmenden eine wichtige Leistung der politischen Bildung sein müsse.
Bei der konkreten Umsetzung der Themen in Bildungsveranstaltungen wies sie auf die Wichtigkeit von zielgruppenspezifischen Werbemaßnahmen und auf den Nutzen von Kooperationen mit Vereinen und Initiativen hin. Die Ideen von Frau Lipinski wurden von den Teilnehmenden sehr zustimmend aufgenommen. In der Diskussion wurde auf die besondere Problematik von Aussiedler- und türkischen Migrantenfamilien hingewiesen. Die Erziehung in diesen Familien sei häufig gewaltbelastet; die Betroffenen seien aber nur schwer ansprechbar. Bisherige Erfahrungen hätten gezeigt, dass die Bereitschaft zur Reflexion des eigenen Verhaltens am ehesten gegeben sei, wenn diese Gruppen allein angesprochen werden. Ein ähnliches Problem könne sich auch bei der Ansprache von Jugendlichen stellen. Verschiedene Teilnehmende wiesen darauf hin, dass es sinnvoll sein könne, das Thema "Gewalt in der Erziehung" im Rahmen von übergeordneten Veranstaltungsreihen etwa zu "Erziehung" aufzugreifen.

3. Teil 2: Perspektiven für ein trägerübergreifendes Projekt

Der von der AKSB vorbereitete Konzeptentwurf für ein trägerübergreifendes Projekt (Anlage 1.5) wurde in drei Gruppen jeweils unter verschiedenem Blickwinkel beraten: A) Projektziel und Themenfelder der Bildungsveranstaltungen, B) Zielgruppen, Veranstaltungsformen und Evaluationskriterien, C) Arbeitsstruktur des Projektes. Die Ergebnisse wurden im Plenum vorgestellt und kurz diskutiert.

4. Ergebnis der Fachtagung

Es ist auf der Fachtagung gelungen, unter den beteiligten Pädagoginnen und Pädagogen das Bewusstsein für die rechtliche und politische Problematik der Forderung nach gewaltfreier Erziehung in der Familie zu wecken. Alle Teilnehmenden waren sich einig, dass die Eindämmung von "Gewalt" in der Familie ein wichtiges gesellschaftspolitisches Anliegen sei, zu dessen Verwirklichung politische Bildung einen wertvollen Beitrag leisten könne. Aus der Breite des Themenfeldes und der Verschiedenheit möglicher Zielgruppen ergeben sich zahlreiche Fragen, für die keine fertigen Lösungen vorliegen und die in einem trägerübergreifenden Projekt sinnvoll gemeinsam bearbeitet werden könnten. Auf der Fachtagung wurde deutlich, dass eine genügend große Zahl von Bildungseinrichtungen ein ernsthaftes Interesse an einem solchen trägerübergreifenden Projekt hat. Auf der Grundlage der Beratungen während der Fachtagung hat die AKSB deshalb das Konzept "Familie und Gewalt: Menschen würdig erziehen!" erarbeitet (Anlage 2).

Lukas Rölli (Tagungsleiter)
Bonn, 6. Januar 2000

 

Dokumentation der Referate der Fachtagung

Die Dokumentation, die wir Ihnen als PDF-Datei zur Verfügung stellen, enthält die Texte/Zusammenfassungen von folgenden Referaten:

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